Sagenschatz

Die Sage von dem Liebchenstein bei Penig

Penig

Vor alten Zeiten hausten Raubritter auf dem bei Penig gelegenen Zinnberg und Drachfels (Drachenfels) und machten die dasige Gegend sehr unsicher. Zinnberg soll anfangs Umizi geheißen haben, schon im 6. Jahrhundert entstanden und der Sitz eines Wendenfürsten gewesen sein. Im 13. Jahrhundert gehörte dieses Zinnberg (Zinneburgk) einer Linie der Burggrafen zu Altenburg zu. Beide Schlösser, Zinnberg und Drachenfels, sollen schon im 14. Jahrhundert von den Burggrafen von Leisnig und dem Ritter Heimburg von Waldenburg zerstört worden sein. Nach anderen Angaben, z. B. nach Schumann’s sächs. Zeitungs-Lexicon, sind jedoch beide Burgen erst im Jahre 1488 verbrannt worden. Auf Zinnbergs Ruinen sah man noch gegen Anfang des 17. Jahrhunderts einen alten Thurm stehen, von welchem zur Zeit einiges Gemäuer übrig geblieben ist. Bei Zerstörung der unter Penig gelegenen Burg Drachenfels sollen übrigens die Hühner aus derselben über die Mulde auf den gegenüberliegenden Berg geflogen sein, woher der Hühnerberg seinen Namen erhalten habe. Ueber die Raubritter auf Zinnberg und Drachenfels und über die Veranlassung zur Zerstörung dieser beiden Burgen geht nun folgende Sage. Zinnberg und Drachenfels waren im Besitz von zwei Brüdern, welche man gewöhnlich die Schachtritter nannte, weil, zur Leistung gegenseitigen Beistandes, ein unterirdischer Gang beide Burgen verband. Der eine dieser Brüder, der Ritter auf dem Drachenfels, war mit Fräulein Elsbeth, der Tochter des Ritters Haimburg zu Waldenburg, verlobt. Elsbeth erhielt einst heimlich Nachricht, ihr Verlobter betreibe Räuberei. Um sich selbst zu überzeugen, ob diese Kunde wahr oder falsch sei, machte sie sich mit Bewilligung ihres Vaters auf und fuhr, von des Vaters Knappen begleitet, bis an den Felsen, welcher unmittelbar am rechten Muldenufer hart hinter Penig am Fuße des Galgenberges liegt. Hier stieg sie, ihr Gespann stehen lassend, aus dem Wagen und begab sich auf die Burg. Auf dieser herrschte eine tiefe grauenvolle Stille. Düstere Ahnungen durchbebten des Fräuleins Seele: sie schaute sich um, fand Blutspuren auf dem Vorsaale und an der Caminthüre des Ritters Siegelring. Noch mehr Blutspuren nebst einem bluttriefenden Dolche fand das Fräulein auf dem Zimmer des Ritters, der eben vorher einen Mord begangen und bei dem Ringen mit seinem Schlachtopfer seinen Ring verloren hatte. Elsbeth nahm schaudernd den Siegelring mit dem blutigen Dolche, und kehrte, ohne bemerkt zu werden, aus der Burg nach ihrem Gespann und mit diesem wieder nach Waldenburg zurück. Der vorstehend beschriebene Fels, wo ihr Gespann gestanden, heißt davon aber heute noch der Liebchenstein. Das Fräulein hinterbrachte ihrem Vater die schreckliche Kunde, worauf Ritter Haimburg mehrere Ritter (worunter der Ritter Gerold von Rabenstein) nebst dem Schachtritter zu sich entbieten ließ. Das Mahl war bereitet und die Pokale kreisten nach Ritterart. Aber über dem festlichen Mahle wurden dem Schachtritter plötzlich der Siegelring nebst dem Dolche vorgezeigt; leicht ward er des Mordes überwiesen, von den herbeigerufenen Knappen gefesselt und in Haimburg’s Burgverließ geworfen. Letzterer verband sich dann mit noch mehreren Rittern und brach die beiden Raubritterburgen Zinnberg und Drachenfels. Das Fräulein aber soll bald darauf ihrem Leben selbst aus Verzweiflung ein Ende gemacht haben.

Quelle: Grässe Sagenschatz des Königreichs Sachsen


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