Sagenschatz

Die wüste Kirche bei Hermsdorf

Hermsdorf

An der von Frauenstein über Hermsdorf nach Böhmen führenden Landstraße liegt in der Nähe der Flurgrenzen der Dörfer Reichenau und Hermsdorf der Kreuzwald. Der Name rührt von der Kapelle zum Heiligen Kreuz her, die einst hier gestanden hat. Nur spärliche Nachrichten über die alte Wallfahrtskapelle sind auf unsere Zeit gekommen, trotzdem die letzten Ruinenreste der "wüsten Kirche", wie sie im Volksmunde genannt wurde, erst im Jahre 1876 beseitigt wurden. Man ebnete damals die Baustelle ein, forstete das Land auf und setzte zum Andenken daran, daß hier geweihter Boden den Geheimnissen des Waldes zurückgegeben wurde, einen kleinen Denkstein mit der Inschrift "Kapelle 1876" an den Wegrand.
Wie die Ruinen erkennen ließen, war die Kapelle 24 Ellen lang und 12 Ellen breit. Der Name des Gründers und das Gründungsjahr sind unbekannt. Wahrscheinlich war die Kapelle eine Andachts- und Raststätte der Wanderer, die auf der uralten länderverbindenden Paßstraße Freiberg Klostergrab hier vorüberzogen. Mit der Ausbreitung der Reformation verfielen die meisten alten Walfahrtskirchen. Dieses Geschick scheint jedoch unsere Kapelle zunächst nicht ereilt zu haben; denn noch im Jahre 1742 stritt sich ein gewisser Trope oder Hartitzsch mit dem Hermsdorfer Richter um das Recht, Bier und Brot zum heiligen Kreuz liefern zu können.
So spärlich auch die Quellen geschichtlicher Forschung fließen mögen, umso reicher ist die Ausbeute des Sagenforschers. Gibt es auch wohl eine trefflichere Heimstätte für die Sage, als die im stillen Wald liegenden Trümmer einer verfallenen Kapelle, durchweht vom Schauer des Heiligen und den Geheimnissen der Einsamkeit und des Vergessens.
Alte Überlieferungen berichten, daß unter der Stätte des alten Gotteshauses eine ganze Braupfanne voll Gold stehen und 12 Fässer alten Weines lagern sollen. Schon mancher Schatzgräber hat sein Glück versucht, aber nie die rechte Stelle finden können.
Zu bestimmten Zeiten soll sich dort des Nachts zwischen 11 und 12 Uhr ein Reiter ohne Kopf sehen lassen, und man erzählt sich auch, daß einst des Nachts einem früheren Hermsdorfer Pfarrer an dieser Stelle etwas Grauenvolles zugestoßen sei, worüber er zeitlebens Stillschweigen bewahrt habe.

Quelle: Klengel Sagenbuch des östlichen Erzgebirges


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