Sagenschatz

Der Jungfernborn

Sohra

Auf halbem Wege zwischen Pretzschendorf und Friedersdorf befindet sich in der Bobritzscher Waldung der "Jungfernborn". Ein Laubbaumrund mit Bänken, inmitten des Nadelwaldes, erinnert gleichermaßen an eine altheidnische Kultstätte.
Der ausgehöhlte Baumstamm bot mit seinem erquickenden Inhalt schon so manchem Wanderer einen frisch-klaren Trunk.
Vor langen Zeiten soll hier einst ein Dörflein gestanden haben, welches Kriegshorden oder aber auch einem Brande zum Opfer fiel. Von allen Bewohnern sind nur drei Jungfern am Leben geblieben. Diese sollen sich allnächtlich im Wasser des Brunnens gebadet und ihre langen weißen Hemden an die Zweige der Bäume gehangen haben, daß sie im Winde flatterten und im Mondlicht leuchteten. Von diesen drei Jungfern erhielt der Brunnen seinen Namen.
Spuk soll diesen geisterhaften Ort umgeben. Es leben noch
Leute, deren Vorfahren den gespenstigen Heuwagen am Jungfernborn gesehen haben. Man konnte dort, namentlich in Mondscheinnächten um die Mitternachtsstunde einen Heuwagen stehen
sehen, um den herum es geisterte. Vier oder sechs Pferde zogen
den Wagen. Man sah, wie sie ihre Beine flink bewegten und
mit den Köpfen nickten. Sie zogen nnd zogen — — aber sie
bewegten weder sich noch den Wagen vom Orte. Fuhrknechte
klappten mit Geisterpeitschen, die nicht knallten und hinter dem
Wagen gar schritten alte Bauerngestalten in Trachten, wie sie
noch keiner je gesehen hatte. Mit dem Glockenschlag Eins löste
sich der ganze Spuk vom Erdboden und verging lautlos in den
Lüften. (Nach H. Kaden.)

Quelle: M. A. Reinhold Was erzählt man sich im östlichen Erzgebirge


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