Sagenschatz

Der h. Antonius zu Leuben

Leuben

Im Jahre 1727 ist Johann Christoph Sickel in Condition als Hauslehrer nach Leuben bei Oschatz in Sachsen auf den damaligen Thielauschen Hof gekommen, wo ihm eine Stube angewiesen ward, der gegenüber eine alte Kapelle zu sehen war, worin vor der Reformation Gottesdienst gehalten worden war. Auf sein Befragen nach der Geschichte derselben wurde ihm jedoch gesagt, daß dieselbe vor einigen Jahren säcularisirt, das alte Gemäuer reparirt, auch über dasselbe ein holländisches Dach gemacht, die Kapelle aber, weil ihre Mauer sehr dick war, zu einem Milchgewölbe und der Obertheil des Daches zu einem Fruchtboden benutzt worden sei. Als nun diese Veränderung vorgenommen ward, da hat man des Nachts eine solche Unruhe, Gepolter und Gehämmer gehört, als wenn Maurer und Zimmerleute allda arbeiteten. Dasselbe Getöse hat sich nachher noch oft wiederholt, und der Hauslehrer Sickel versichert, daß er öfters um Mitternacht in seiner Stube ein heftiges Gepolter aus jener Kapelle vernommen habe, gerade wie wenn Personen darin mit Bretern handtirten oder mit Steinen würfen. In dieser Kapelle hat früher auch eine hölzerne Bildsäule des h. Antonius gestanden, die man bei der Säcularisation herausgenommen und in ein danebenstehendes Gebäude, das Backhaus genannt, gesetzt hat. Als nun einmal, während die Herrschaft nicht zu Hause war, das Hofgesinde sich eine Lust machen wollte, haben sie des Abends das Bild in die Schenke getragen, ihm eine Tabakspfeife in das Maul gesteckt und sind mit vielem Vergnügen um dasselbe herumgetanzt, haben ihm auch bisweilen Nasenstüber verabreicht. Bei dieser lustigen Gesellschaft hat sich nun der Schäfer bis in die späte Nacht am aufgeräumtesten bewiesen, nachher aber den heiligen Antonius wieder an seinen Ort in das Backhaus gebracht. Als nun der Anstifter dieser Kurzweil wieder auf den Hof gegangen war und sich in seine neben dem Backhause und der Kapelle stehende Horde niedergelegt hatte und eingeschlafen war, ist er von einem Gespenste plötzlich mit derben Ohrfeigen dermaßen reichlich bedacht worden, daß er durch solche Complimentirung außer sich gerieth und fast des Todes war, auch einen so dicken Kopf und Gesicht bekam, daß er am andern Morgen kaum noch einer menschlichen Gestalt ähnlich sah, hat auch, was ihm begegnet war, alsobald auf dem Hofe erzählt und sich niemals wieder an diesem Bilde vergriffen. Man hat nachher dieses Bild in dem Backhausgarten vergraben, damit weiter kein Unfug mit demselben getrieben werde, besagtem Sickel auch noch den Ort bezeichnet, wo dasselbe eingescharrt war.

Quelle: Grässe Sagenschatz des Königreichs Sachsen


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