Sagenschatz

Die Wunderblume auf dem Tempel bei Grimma

Grimma

Auf dem sogenannten Burgberge bei Grimma, an dessen Fuße heute noch eine sehr besuchte Wirthschaft, früher Riemers genannt, liegt, befindet sich eine reizende Anlage von Tannen und ähnlichen Bäumen und in ihrer Nähe auf einer künstlichen Erhöhung ein offener luftiger Tempel aus Holz gezimmert und von einem Herrn Loth im J. 1795 angelegt. Auf dem Vorderplateau nach der Stadt zu, der sogenannten Kuppe, ist aber ein schöner Garten, der ebenso wie der ganze Berg dem Rittergutsbesitzer zu Hohnstädt gehört, jedoch dem Publikum nicht zugänglich ist. In diesem befand sich sonst rechts von dem davor befindlichen Lusthause eine tiefe Grube, lediglich aus Sand und Kies bestehend, in welcher die Kinder ihr Spiel mit dem Nix zu spielen pflegten. Einst war ich hier als Kind von 3-4 Jahren mit meiner Mutter ganz allein im Garten, diese strickte am Gartenhause, ich lief aber nach der Grube zu und sah mitten aus dem Sande eine tulpenartige Blume von wundervoller Farbenpracht und lieblichem Geruche hervorsprießen. Eingedenk des mütterlichen Befehls, in fremden Gärten nichts abzupflücken, eilte ich zu meiner Mutter zurück, um ihr den Fund zu melden. Dieselbe, wohl wissend, daß aus dem unfruchtbaren Sande kein Gräschen, geschweige eine schöne Blume herauswachsen könne, ging gleichwohl mit mir hin, allein die Blume war verschwunden. Später aber, als ich herangewachsen war, hörte ich von Bewohnern der Umgegend, daß ich die Glücksblume gesehen, und wenn ich sie gepflückt, Herr über alle Schätze und Besitzer ewiger Jugend und Schönheit geworden wäre. Ich habe die Blume nie vergessen und könnte sie noch heute malen, so treu hat sie sich mir ins Gedächtniß geprägt. Vor einigen Jahren erzählte mir der Amtmann Köderitz aus Grimma, er sei einst aus der Stadt auf dem Wege nach Hohnstädt am Tempelberge vorüber gegangen und habe eine ähnliche Blume von unten aus auf der Mitte des Berges stehen sehen, er sei sofort heraufgestiegen um sie zu pflücken, habe sie aber nicht wieder finden können.

Quelle: Grässe Sagenschatz des Königreichs Sachsen


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